„Ein anderer Kissenmann als je gesehen“
Guy Clemens‘ Regiedebüt in den Bochumer Kammerspielen und wieso es genau die richtige Produktion für Corona ist
Wir beginnen im Dunkeln. Aus den Lautsprechern dringt Pablo Looks Back von Tin Hat Trio, schlichte Musik, die eine gewisse Trägheit vermittelt. Es ist schwer zu fassen, ob es sich dabei um eine gelassene oder eine melancholische Trägheit handelt. Oder beides? Langsam wird es heller auf der Bühne (Lichtdesign: Jan Hördemann), auf einem Teil der Bühne zumindest: Ein einzelner Scheinwerfer zerschneidet die Dunkelheit aus dem rechten Off heraus, lässt Teile des von Katrin Bombe gestalteten Bühnenbilds im Schatten, während er uns den Blick auf die Polizeiinspektoren Tupolski (Anna Drexler) und Ariel (Romy Vreden) eröffnet. Eingehüllt in einen Nebelschleier blicken sie finster auf den Schriftsteller Katurian (Karin Moog) herab, der mit einem Beutel über dem Kopf in einem niedriger gelegenen Teil des Kinderzimmers sitzt.
Warte, Kinderzimmers?
Ja, die seitliche Beleuchtung geht in eine komplette Ausleuchtung des Bühnenbilds über und spätestens jetzt erkennen wir die freundlichen, hellen Farben, die kindliche Dekoration, das Spielzeug, die Kuscheltiere… Ist das bedrohliche Bild vom Anfang der Einbruch des Unheimlichen in diesen heimeligen Raum oder konterkariert das Bühnenbild auf ironische Weise die Einschüchterungsversuche der Inspektoren? Oder beides?

Romy Vreden, Karin Moog, Anna Drexler (v. li.); Die Beleuchtung geht gerade vom seitlichen Scheinwerfer in eine volle Ausleuchtung der Bühne über, Tupolski nähert sich Katurian, der noch den Beutel auf dem Kopf hat.
Krimi oder Komödie? Oder beides?
Die Frage Oder beides? ist so etwas wie ein roter Faden, der sich durch Guy Clemens‘ Inszenierung von Martin McDonaghs Der Kissenmann im Schauspielhaus Bochum zieht. Dass es hier nicht ausschließlich todernst zugehen soll, wird früh klar, nämlich sobald sich Tupolski irritiert von dem Beutel über Katurians Kopf selbst unterbricht, um den Schriftsteller zu fragen, warum er das Ding denn nicht abgenommen habe: „Das sieht bescheuert aus.“ Doch der Humor in Der Kissenmann ist auf vertrackte Weise mit der Gewalt verbunden, die über allem schwebt. So ist der Moment, in dem Tupolski dem verdutzt dreinblickenden Katurian den Beutel vom Kopf reißt, einerseits Höhepunkt des Gags darüber, wie bescheuert das zunächst bedrohliche Anfangsbild aussieht; andererseits bestärkt diese Übergriffigkeit die durch eben diesen Gag infrage gestellte Machtposition der Polizisten. Bewegen wir uns hier also im Fahrwasser des harten Krimis oder der Komödie? Oder beides?
Vorgeworfen wird Katurian auf jeden Fall etwas Schreckliches: Zusammen mit seinem Bruder Michal (Anne Rietmeijer) soll der Schriftsteller die grausamen Kindermorde aus seinen Geschichten nachgespielt haben. Geständnisse darüber wollen die Polizisten schlicht aus den beiden herausfoltern – oder doch nicht? Nachdem wir Michal offstage schreien hören, kehrt Ariel in einer Metzgerschürze voll Blut auf die Bühne zurück, ein Outfit, das derart over-the-top ist, dass es prompt Gelächter im Saal auslöst: Gewalt und Humor abermals eng umschlungen. Als sich Ariel dann noch weinerlich über seine schmerzende Hand beklagt, ist endgültig klar, dass wir zurück im Raum des Komischen sind – und es stellt sich die Frage, ob die Folter hier überhaupt real ist oder nur eine Inszenierung der Polizisten, um Katurian Angst einzujagen. Oder beides?

Karin Moog, Anna Drexler, Romy Vreden (v. li.); Die beiden Polizisten – Ariel in der blutbeschmierten Schürze – versuchen Katurian mit ihren Blicken einzuschüchtern.
Fakt oder Fiktion? Oder beides? Diese Frage lässt sich auch auf Katurians Geschichten übertragen und auf alles, was wir über die Welt des Stücks erfahren. Immer wieder erweisen sich akzeptierte Wahrheiten und implizite Annahmen als falsch, wird unser kritisches Hinterfragen dessen, was wir zu wissen glauben, auf die Probe gestellt und werden wir zur Skepsis aufgefordert: „Wir wissen nicht einmal, ob überhaupt irgendwelche Kinder ermordet wurden“, realisiert Katurian, als man ihn zu Michal lässt.

Anne Rietmeijer, Karin Moog (v. li.); Michal und Katurian diskutieren die Kindermorde und die Vorwürfe gegen sie.
„Ich bin eigentlich froh, dass diese Produktion während Corona gemacht wurde“ – Guy Clemens
Regisseur Guy Clemens über Berührungen auf der Bühne und den Umgang mit Beschränkungen
Offensichtlich hat sich Guy Clemens keinen einfachen Stoff für sein Regiedebüt ausgesucht und diesen Stoff musste er auch noch unter Corona-Bedingungen inszenieren. Denn ursprünglich sollte Der Kissenmann Mitte Februar Premiere feiern, als auch auf der Bühne noch Abstandsregeln galten und eine Schauspielerin nicht einfach einen Beutel vom Kopf einer anderen ziehen durfte. Momente wie dieser konnten erst nach achtmonatiger Unterbrechung in nur zwei Proben eingebaut werden und in denen gab es „eigentlich gar keine Zeit, wirklich etwas zu ändern“, so der Regisseur im Gespräch mit mir. Wichtiger war ihm, dass die Schauspielerinnen „erst mal wieder eine Routine kriegen“. Für ein Stück wie Der Kissenmann sei das besonders wichtig, „weil es eine Komödie hat“ und gerade das Komische „einen Rhythmus“ brauche „wie ein Rad, das einfach weitergeht“. So sind die Berührungen und von physischer Nähe geprägten Szenen auf der Bühne gezielt gesetzte Akzente, die damit umso bedeutsamer werden, etwa beim Wiedersehen der Brüder.
Auch mit mehr Wiederaufnahmeproben hätte das vermutlich nicht anders ausgesehen, denn die Distanz auf der Bühne „ist ein Teil vom Stil geworden“, verrät Guy Clemens. Mehr noch: „Ich bin eigentlich froh, dass diese Produktion während Corona gemacht wurde. Ich denke, wenn man normalerweise Der Kissenmann inszenieren würde, würde man sofort nach Kontakt suchen und man würde wahrscheinlich nie darauf kommen: Die berühren einander nicht. Und deswegen ist es ein anderer Kissenmann als je gesehen.“
Auch wenn die Entscheidung, Der Kissenmann zu inszenieren, bereits vor der Pandemie gefallen ist, hat Guy Clemens also einen Weg gefunden, die Corona-Regeln von einem Hindernis zu einer Stärke zu machen. „Eine Beschränkung ist gut, um etwas zu machen. Das macht es manchmal auch einfacher“, findet er und ich beginne, in meinem Gedächtnis nach dem berühmten Goethe-Zitat zu graben. „In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister“, hilft Guy mir auf die Sprünge, nur um sofort bescheiden hinzuzufügen: „Aber ich würde mich nicht trauen, ein Meister zu sein. Aber es macht schon Sinn. Den Gedanken finde ich immer toll, um mit Beschränkungen zu arbeiten.“
Dabei wird auch geholfen haben, dass ein Teil der Regeln dem Ästhetikempfinden des Regisseurs entspricht: „Ich finde Berührung auf der Bühne nicht unbedingt sehr schön. Man macht es oft so klein. Und es ist dann auch so schnell fertig. Wenn man einander berührt hat, hat man einander berührt. Im Theater versucht man, mehr zu sein als nur ein Realismus. Deswegen gefällt’s mir so gut, das nicht zu machen, gerade mit so einem gewalttätigen Stück. Man muss dann suchen: Wie macht man das, dass einer wirklich nicht rausgeht? Eigentlich könnte man sagen, Katurian darf aufstehen und weglaufen, weil er darf nicht berührt werden. Man muss das von der Spannung her schon so machen, dass man das glaubt.“
Die Figuren sollen also auf dieselbe Weise gefesselt werden wie das Publikum: durch Spannung statt durch physisches Festhalten. Davon, dass Guy Clemens, seinem Cast und seiner Crew das trotz aller Bescheidenheit meisterhaft gelungen ist, können Sie sich in den Kammerspielen des Schauspielhauses Bochum überzeugen.
Der Kissenmann
von Martin McDonagh | aus dem Englischen von Martin Molitor und Christian Seltmann
Schauspielhaus Bochum
Regie: Guy Clemens
Mit: Anna Drexler, Karin Moog, Anne Rietmeijer, Romy Vreden
Weitere Informationen, Termine und Tickets gibt es hier.
Der Artikel „'Ein anderer Kissenmann als je gesehen'“ wurde von unserem RuhrBühnen-Blogger Jonas Kissel verfasst.
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