Ein Beitrag von Karoline Klotsch
Follow me – Als analoge Followerin auf Zollverein
Die Performance Follow me von Ward Mortier und Thomas Decaesstecker feierte am Freitag auf der Ruhrtriennale ihre deutschlandweite Premiere. Die zwei belgischen Parkour-Akrobaten führten ihre Zuschauer:innen auf einen Spaziergang der etwas anderen Art quer über das Gelände der Kokerei Zollverein. Diese waren mit Klappstühlen ausgestattet, doch gesessen haben sie die wenigste Zeit darauf. Sowohl die Stühle als auch die Zuschauer:innen wurden auf unterhaltsame Weise in die Vorstellung eingebunden. Ein Entkommen gab es nicht — man musste folgen.
Artisten auf alternativen Wegen
Das Parkourlaufen ist eine Sportart für den urbanen Raum. Der:die Läufer:in möchte damit von einem Punkt zum anderen gelangen, ohne sich dabei von Mauern oder Absperrungen aufhalten zu lassen. Stattdessen sucht er:sie nach kreativen Möglichkeiten, die Hindernisse zu überwinden und somit neue Wege zu gehen. So lässt sich das Stadtbild völlig neu entdecken. Diese Sportart bildet den Grundgedanken hinter der Aufführung Follow me. Nach einem Abschluss an der Artistenschule wollte Ward Mortier wieder zurück in die Straßen. Deshalb kreierte er 2017 ein Stück, bei dem Zuschauer:innen ihm und seinem Kollegen Thomas Decaesstecker beim Parkour-Laufen folgen konnten.
Hinsetzen und Mitmachen
Das Problem: Die Vorführung sollte für alle zugänglich sein, doch gerade ältere Personen könnten
nicht dauerhaft stehen, um den beiden Künstlern zuzuschauen. Also involvierten sie Klappstühle
in ihre Aufführung; ganz alltägliche Objekte, die man aber nicht nur zum Sitzen gebrauchen kann.
Die Hocker wurden Teil der Performance. Zwischen beeindruckenden Zurschaustellungen von
Akrobatik und Parkour im städtischen Gelände animieren Ward und Thomas die Gäste dazu,
verrückte Dinge mit ihren Sitzgelegenheiten anzustellen, um von einem Ort zum anderen zu
gelangen. So kann man die Stühle als Lenkrad, als Flügel oder als Krücken benutzen. Oder man
bildet eine lange Schlange, bei der sich jede:r am Stuhl des Vordermanns:der Vorderfrau festhält
und bewegt sich so zum nächsten Standort. Solche kreativen Verbindungsstücke sind ein
wichtiger Beitrag zur Dynamik des gesamten Stücks, sagen Ward und Thomas.

Auch artistische Performances wurden in den Spaziergang über Zollverein eingebaut.
Mit Leichtigkeit über das Weltkulturerbe
Sie müssen ihre Performance natürlich von Veranstaltungsort zu Veranstaltungsort anpassen und
mit den Gegebenheiten der Schauplätze umgehen. Das Zollvereingelände war für den Auftritt bei
der Ruhrtriennale von Anfang an im Gespräch. Es wäre auch verwunderlich gewesen wenn nicht,
denn die alte Zeche und Kokerei bietet eine industriell-urbane und vor allem beeindruckende
Kulisse für eine solche Vorführung. Hier gebe es viele Möglichkeiten zum Parkour-Laufen, aber die
Akrobaten hatten auch die Befürchtung, dass sie auf diesem gigantischen Gelände untergehen könnten. Nach einem Besuch des Schauplatzes, machten sich Ward und Thomas daran, die Performance für Zollverein anzupassen. Und untergegangen sind sie ganz und gar nicht. Mit viel Witz und Coolness machten sich Ward Mortier und Thomas Decaesstecker das Gelände während der Premiere zu eigen. Sie kletterten und liefen über die Gebäude des Weltkulturerbes, als wäre es ihr täglicher Spaziergang. Dabei legten sie eine beneidenswerte Leichtigkeit an den Tag, die überzeugen wollte, diese Kunststücke einfach nachzumachen. Aber natürlich ist das absolut verboten, wenn man nicht selbst 15 Jahre Parkour-Erfahrung hat und zudem die Erlaubnis der Zeche Zollverein. Das machten die beiden Artisten ihrem Publikum in einer kurzen Ansprache auch nochmal klar. Die Übergänge zwischen den artistischen Darbietungen waren witzig bis albern und man musste sich besonders als erwachsene Person einfach darauf einlassen.
Ein begeistertes Publikum
Da die Vorführung vormittags stattfand, bestand das Publikum jedoch hauptsächlich aus drei Schulklassen und die Schüler:innen waren sichtlich mitgerissen. „Normalerweise müssen wir die Zuschauer:innen animieren mitzumachen, heute mussten wir versuchen sie zu beruhigen“, sagen Ward und Thomas. Die Kinder stürmten hinterher, wenn die zwei Akrobaten sie aufforderten zu folgen. Sie stampften und sangen lauthals mit, während sie sich in einer Schlange über die Kokerei bewegten. Sie tanzten sogar, als die Künstler zum Schluss einen Beat anstimmten, indem sie auf allem, was sie finden konnten herumtrommelten.
Das Stück ist ein besonderes Erlebnis, denn die Künstler gehen im wahrsten Sinne des Wortes
andere Wege. Man darf sich nicht scheuen mitzumachen und sich auf die Performance
einzulassen, dann hat man einen sehr bewegenden Vormittag.
Ruhrtriennale 2022
"Follow me" ist eine Performance von Ward Mortier und Thomas Decaesstecker im Rahmen der Ruhrtriennale 2022.
Mehr Informationen zur Ruhrtriennale 2022 gibt es hier.
Der Artikel "Follow me – Als analoge Followerin auf Zollverein" wurde von unserer RuhrBühnen-Bloggerin Karoline Klotsch verfasst.
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