Ein Beitrag von Maren Behrendt

Hillbrow goes Ruhrgebiet: Hillbrowfication bei der Ruhrtriennale

Im Rahmen der Ruhrtriennale 2022 ertanzten sich 21 Jugendliche aus Hillbrow, einem Viertel in Johannesburg, das Ruhrgebiet. Die Tanzperformance „Hillbrowfication“ unter der Leitung von Choreografin Constanza Macras füllte die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord Ende August mit Leben. Neue Perspektiven in mir vertrauter Umgebung – das fasst mein Erlebnis vermutlich am besten zusammen. Hier ein kleiner Rückblick.


Neue Perspektiven in alt bekannter Umgebung

Besonders schön finde ich, dass es mich heute dahin verschlägt, wo ich aufwuchs: nach Duisburg. Genauer gesagt in den Landschaftspark Duisburg-Nord, in dem ich früher wohl nahezu täglich unterwegs war. Zwischen den riesigen Gebäuden und den zahlreichen Industrierohren fühle ich mich noch genauso klein wie früher. Zu dem Gedanken der Ruhrtriennale, neue Perspektiven aufzuzeigen, passt das meiner Meinung nach sehr gut: Die Location verstärkt das Gefühl, selbst ein kleiner Teil eines großen Ganzen zu sein. Da passt internationaler Wind mit vielen neuen Gedanken für mich gut ins Bild: Heute zeigen mir also 21 Jugendliche in einer für mich vertrauten Umgebung, wie sie sich ihre vertraute Umgebung – nämlich Hillbrow in Johannesburg – für die Zukunft wünschen.

 

Gebläsehalle – und die Assoziation des Schuhkartons

Die Gebläsehalle empfinde ich als beeindruckenden Veranstaltungsort. Obwohl die Halle natürlich riesengroß ist und durch eine Deckenhöhe besticht, die ihresgleichen sucht, habe ich das Gefühl, ich säße in einem Schuhkarton: Von meinem Sitzplatz aus betrachtet liegen die Wände rechts und links relativ nah bei mir. In einer Flucht mit der recht schmalen, dafür aber sehr hohen Tribüne liegt an einem Ende der Halle die Bühne. Neben den rauen, ungleichmäßigen Wänden gibt es vor Beginn der Veranstaltung nicht wirklich viel zu sehen.


Als die Veranstaltung beginnt, erhellen an der rechten und linken Wand mehrere Scheinwerfer die Bühne. Auf ihren jeweils gegenüberliegenden Part ausgerichtet, ergibt sich insgesamt betrachtet ein raffiniertes Schattenspiel an den seitlichen Wänden. Die Bewegungen der Tänzer:innen werden im Laufe der Aufführung auf die Wände der Gebläsehalle projiziert und verbinden sich so gewissermaßen mit dem Veranstaltungsort.

 

Die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg-Nord


Wenn Tanz mehr ausdrückt, als Worte es könnten

Während der Aufführung stelle ich zunehmend fest, dass eine Tanzperformance bedeutend mehr Interpretationsspielraum bietet als ein Theaterstück. Sonst eher auf die Kraft der Worte setzend, versuche ich während der Performance gedanklich, die Verbindung zu den angekündigten Inhalten herzustellen. Aus dem Programmheft war mir bereits bekannt, dass die Jugendlichen Zukunftsszenarien für ihr Viertel, Hillbrow, entwerfen und auf humorvolle Weise den Blick auf die Ordnung der Welt hinterfragen. Würde ich zehn verschiedene Personen aus dem Publikum um eine inhaltliche Zusammenfassung bitten, bekäme ich sicherlich zehn verschiedene Antworten. Aber das ist wohl gar nicht schlimm, denn die Ruhrtriennale 2022 will uns ja auffordern, „neu zu schauen“ und „neu zu begreifen“. Das hat geklappt.

 

Die Tanzperformance kommt ohne viele Worte aus.

 

Das große Ganze steckt im Detail

Fasziniert von der tänzerischen Leistung des gesamten Ensembles frage ich mich, ob der Sinn der Performance im großen Ganzen oder gar in jeder einzelnen Tänzerin und jedem einzelnen Tänzer zu erkennen ist. Das gesamte Bühnenbild teilt mir etwas mit. Doch auch der Blick auf einzelne Tänzer:innen lohnt sich: Sie alle legen so viel Gefühl in ihre Bewegungen, dass mein Blick an ihnen hängenbleibt. Ich versuche, mich in sie hineinzuversetzen und nachzuempfinden, was sie mit ihrem Tanz zum Ausdruck bringen möchten. In ihren Gesichtern sehe ich Durchhaltevermögen, Mut, Verzweiflung, Hingabe – und noch so vieles mehr. Gerade erst Gänsehaut bekommen, lockert das Ensemble die Stimmung mit den angekündigten humorvollen Momenten auf.

Das große Ganze wirkt – aber auch jede*r Tänzer*in für sich betrachtet drückt so viel aus.

 

Mein ganz persönliches Fazit

Besonders schön war zuletzt das Gefühl, das Ensemble durch den Applaus stolze fünfmal auf die Bühne zu locken. Während ich meine, in den Gesichtern der Tänzer*innen Dankbarkeit und Stolz gesehen zu haben, in der Gebläsehalle einen Teil zur Ruhrtriennale beizutragen, war ich selbst dankbar dafür, in meiner vertrauten Umgebung emotional und gedanklich aufgewühlt worden zu sein. Mit neuen Perspektiven und vielen Gedanken im Gepäck verlasse ich die Gebläsehalle am Abend und höre die vielen Menschen aus dem Publikum noch auf dem Weg zum Parkplatz analysieren, diskutieren, besprechen und vor allem eins: bewundern.


Ruhrtriennale 2022

"Hillbrowfication" ist eine Tanzperformance im Rahmen der Ruhrtriennale 2022 unter der Leitung von Choreografin Constanza Macras.

Mehr Informationen zur Ruhrtriennale 2022 gibt es hier.


Der Artikel "Hillbrow goes Ruhrgebiet: Hillbrowfication bei der Ruhrtriennale" wurde von unserer RuhrBühnen-Bloggerin Maren Behrendt verfasst. 

Weitere Artikel, mehr zum Blog, dem Projekt und unseren RuhrBühnen-Blogger:innen gibt es hier.

 

 

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