Ein Beitrag von Simone Saftig

Tanz es raus!

Mit ihrer Performance „Rave Lucid“ verbindet die Kompanie MazelFreten Hip-Hop mit Elektro und kreiert so bei ihrer Deutschlandpremiere bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen einen mitreißenden Abend, der die Sehnsucht nach den Abenteuern des Nachtlebens mit Power auf die Bühne katapultiert.

Der Vorhang geht auf, eine Frau steht breitbeinig auf der Bühne, man erkennt sie schemenhaft im bläulichen Schummerlicht, sphärische elektronische Klänge geben dem Bild Atmosphäre. Die Spannung ist spürbar: Die Ruhe vor dem Sturm; bereit, alles zu geben. 

Formation und Power

Die nächsten Menschen kommen auf die Bühne, nacheinander gesellen sie sich zum Pulk, bilden eine Formation, ein Dreieck, nah beieinanderstehend wachsen sie zur Einheit, zum Organismus, atmen bis der wummernde Technobeat mit 120 Beats per Minute (Musik: Nikit / Ino & Fille de Minuit) einsetzt und die Gruppe explosionsartig zu tanzen beginnt. Mitreißend ist nicht nur der durchdringende Schlag des Technos, sondern auch die perfekt choreografierte Synchronität der zehn Menschen, die da auf der Bühne ihre Körper in die Musik schmeißen, mit exakten, kraftvollen Bewegungen gibt die Formation ab dem ersten Beat-Drop den Takt an, eine Power von zehn Menschen, die in den nächsten 50 Minuten nicht nachlassen wird. 

 

Foto: Jonathan Lutumba

Hip Hop meets Elektro

Dabei wechseln sich nach diesem starken Einstieg Solo-, Paar- und Gruppenchoreografien ab, die beide Schwerpunkte der Chroeograf:innen und Gründer:innen von MazelFreten, Laura Defretin und Brandon Masele, vereinen: Hip-Hop meets Elektro und diese Kombination geht bei „Rave Lucid“ so eindrücklich auf, dass man kaum ruhig sitzen bleiben kann und am liebsten selbst auf den Dancefloor springen möchte. 
Denn besonders stark sind die Momente, in denen die zehn Tänzer:innen gemeinsam auf der Bühne stehen. Eine schummrige Lichtatmosphäre (Judith Leray), die sie mal in rotes, mal in gelbes, blaues oder grünes Licht hüllt, kreiert zusammen mit den wummernden Beats ein Narrativ des Clubbings, das ansteckend wirkt. Mal alleine, mal als Pulk, mal im Kreis, dann wieder auseinanderstrebend, mal synchron, mal jede:r für sich, ziehen die Menschen auf der Bühne in den Sog des abenteuerlichen Nachtlebens, das alles bereithalten kann: Miteinander und Mystik, Ekstase und Emotionalität, aber ebenso Sehnsucht und Vereinzelung. 

 

Foto: Jonathan Godson

Unterstrichen wird dieser Dunst des Clubbings durch die Kostüme, die an das Berliner Berghain erinnern und sich an Ästhetiken von Hard- und Streetstyle orientieren. Eine Tänzerin trägt über ihrer braven weißen Bluse ein SM-Geschirr, zwei andere Tänzerinnen kurze Biker Crop-Tops, ein Tänzer zieht gegen Ende der Vorstellung sein Netzoberteil aus und tanzt oben ohne weiter.

Momente der Stille und des kraftvollen Zusammenseins

Doch der Abend hat auch leise Parts, die von Sehnsucht und Geborgenheit erzählen. So nähert sich beispielsweise ein Tänzer alleine auf der Bühne in Zeitlupe einem Lichtkegel, bevor zwei, dann drei weitere dazukommen und in hektischen und doch exakten Bewegungen mit fliegenden Gliedmaßen und Körperwellen wie Motten um das Licht herumschwirren. Ein anderes Mal stehen zwei Personen still in der Umarmung, bevor sich der eine mit ausufernden Bewegungen freizutanzen versucht. 
Es folgt eine Szene, in der sich alle Tänzer:innen auf der Bühne in Zweierkonstellationen umarmen, innig, tief, ruhig verharrend. Obwohl diese Momente der Stille emotional anrühren, dringen doch vor allem die Passagen des kraftvollen Zusammenseins durch, berührt gerade die Choreografie, die das Pulk als energetische fast bedrohliche Einheit nach vorne peitscht, meist ausgehend von einem Impuls, der aus dem Herzen, zumindest aus dem Innern zu kommen scheint. Ein Impuls, der die Arme fliegen, die Körper folgen lässt, immer präzise und immer synchron, inspiriert sowohl von der Techno- als auch der Hip-Hop-Szene, hier Step-Taps, da eine Breakdance-Einlage, aber immer: fliegende, peitschende, pulsierende Arme, die sich verknoten oder zu Flügeln werden. Aus allen vier Ecken leuchtet nun jeweils ein Scheinwerfer in den Primärfarben, sodass die tanzende Gruppe in der Mitte in Regenbogenfarben gehüllt wird; die Nacht ist nicht schwarz, sie ist bunt. Die Tänzer:innen heizen sich gegenseitig auf, applaudieren sich, schreien ihre Emotionen, die Anstrengung heraus, zeigen das kathartische Moment des Tanzes, der körperlichen Bewegung: „Tanz es raus!“, könnte als Message über diesem Abend liegen.

 

Foto: Maria Koltschin

Tanzworkshop zum RuhrBühnen*Spezial

Als die Lichter wieder angehen, die Party vorbei ist und wir realisieren, dass man ja doch in einem Theatersaal und nicht im Klub sitzt, lässt sich MazelFreten zurecht mit Standing Ovations und frenetischem Applaus feiern. Das Publikum ist angeheizt, am liebsten würde man direkt zum nächstbesten Rave stürmen und den eigenen Körper in Schwingung bringen. Und wem das genauso geht, der bekommt an diesem Abend tatsächlich noch die Möglichkeit dazu: im Rahmen des RuhrBühnen*Spezial laden die Tanzkompanie und die Ruhrfestspiele zu einem anschließenden Tanzworkshop. Im Foyer des Großen Festspielhauses können die begeisterten Teilnehmer:innen Schritte und Techniken des gerade Erlebten ausprobieren. Rave on!

Foto: Maria Koltschin


Rave Lucid

von MazelFreten

Ruhrfestspiele Recklinghausen

www.ruhrfestspiele.de

Das RuhrBühnen*Spezial rückt jeden Monat eine Bühne ins Rampenlicht und präsentiert eine ihrer beeindruckenden Aufführungen zu einem besonders attraktiven Preis von maximal 15 Euro.


Der Artikel „Tanz es raus“ wurde von unserer RuhrBühnen-Bloggerin Simone Saftig verfasst. 

Weitere Artikel, mehr zum Blog, dem Projekt und unseren RuhrBühnen-Blogger:innen gibt es hier.

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