Quick Info
Arda liegt mit Leberversagen auf der Intensivstation. Die Zeit rinnt ihm davon, und wie Wasser suchen sich Erinnerungen und Geschichten ihren Weg.
Aus dem Krankenhaus heraus schreibt er einen Brief an seinen Vater Metin, den er nie kennengelernt hat, dessen Abwesenheit sein Leben jedoch geprägt hat.
Was wäre gewesen, wenn Metin nicht verschwunden wäre? Warum hatte er Deutschland verlassen, obwohl er wusste, dass ihn als politischen Flüchtling in der Türkei eine Gefängnisstrafe erwartete?
„Erzählen ist wie Wasser, Metin. Einmal unterwegs, findet es seinen Weg von selbst.“
Während Arda auf die Ergebnisse der Blutuntersuchungen wartet, erinnert er sich: an endlose Stunden in Warteschlangen auf dem Ausländeramt und bei Ärzt*innen, an die Schulbücher von der Sozialkasse, an die gestohlene Zeit, die er mit seiner Mutter Ümran und seiner Schwester Aylin verbrachte. Zwei Frauen, die ein gemeinsames Schicksal teilen und dennoch seit zehn Jahren kein Wort mehr miteinander gesprochen haben.
Arda macht die Schmerzprobe. Sein Gedächtnis ist eine Wunde, die er nicht heilen kann – nur aufstechen, um zu prüfen, ob es bereits abgestorben ist (Christa Wolf, Kassandra).
Die Erinnerungen kommen in Wellen – unkontrollierbar, unerbittlich: Ümran, deren Kindheit nach einem schweren Erdbeben in der Türkei endete; ihr Kampf als alleinerziehende Mutter am Rande des Ruhrgebiets. Aylin, die für immer ging. Und Metin, der nur ein Schatten blieb. Vielleicht stirbt der Schmerz, ehe wir sterben. Vielleicht aber auch nicht.
Vatermal ist eine Geschichte über Sehnsucht und Verlust, über das Ringen mit der eigenen Herkunft und Identität. Ein vielstimmiges, intensives Echo aus Sehnsucht, Armut und Patriarchat – in einer Gesellschaft, die wenig Raum für Empathie lässt.
- Dauer
- 1 Stunde 50 Minuten
- Webseite
- www.theaterdo.de/produktionen/detail/vatermal
Stab
- Regie
- Julia Wissert
Presse
Theater heute
„(…) wenn das Spiel ins Karikaturhafte kippt, bei Aylins Erfahrungen in einer biodeutschen Pflegefamilie etwa, oder wenn sie versucht, sich einer Gruppe ‚L’amour toujours‘-grölender Schnösel anzuschließen, bekommt die Aufführung eine schmerzhafte Schärfe, die über Öziris Vorlage hinausweist.
Wissert macht vieles richtig: ‚Vatermal‘ klebt nicht sklavisch an der Vorlage, hat aber etwas verstanden von den Lebensrealitäten postmigrantischer Existenz. Die Inszenierung geht nicht den einfachen Weg, sondern mutet sich und ihrem Publikum etwas zu.
Eine gute Regieidee ist in diesem Zusammenhang auch der Einsatz eines Chores des Migrantinnen-Vereins Dortmund e. V., der türkische und deutsche Lieder ins Publikum schmettert und fortführt, was der so böse wie originelle Goethe-Einstieg andeutete: dass es hier um etwas gehen könnte, das tatsächlich mit eigener Erfahrung zu tun hat.
Sie hat ein motiviertes Ensemble zur Verfügung und mit Alshaltouh einen Hauptdarsteller, der seine Rolle durch detailgenaues Spiel mit Leben zu füllen weiß.
Nach und nach entspinnt sich so eine Migrationsgeschichte über zwei Generationen: wie die Mutter Ümran (Lucia Peraza Rios) sich in Metin verliebt, der kein Gastarbeiter ist, sondern politischer Flüchtling (wobei die Ernsthaftigkeit von dessen politischem Aktivismus auch hinterfragt wird), wie die Ehe scheitert, und wie Ümran fast daran zerbricht, Arda und dessen ältere Schwester Aylin (Fabienne-Deniz Hamer) alleine aufzuziehen. Das ist empathisch erzählt, es nutzt die Möglichkeiten der Bühnensituation ökonomisch, es ist interessant, wie Wissert einen männlich gelesenen Erzähler einsetzt, um dann schwerpunktmäßig Frauenschicksale zu beschreiben.“
02. Juni 2025